„Das ‚Nie wieder‘ muss sich im Alltag bewähren“

von Rudolf Schroeder

Dritter Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel: Bewegende Gedenkfeier zum 7. Oktober in der Citykirche mit der NRW-Antisemitismus-Beauftragten. Am Mittwoch lud die frisch gegründete „Initiative gegen den Antisemitismus“ zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Hamas-Angriffs ein.

Die Antisemitismus-Beauftragte von NRW, Sylvia Löhrmann, hat am dritten Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel in Aachen zu Solidarität mit dem Staat Israel und dem jüdischen Volk aufgerufen. Dies bedeute jedoch nicht, dass man das Handeln der israelischen Regierung gutheiße. Bei einer bewegenden Gedenkfeier in der ökumenischen Citykirche sagte Löhrmann unter großem Beifall der rund 200 Teilnehmer: „Antisemitismus liegt nicht in der Verantwortung der Jüdinnen und Juden, sondern in der Verantwortung der demokratischen Gesellschaft.“

Antisemitismus dürfe weder parteipolitisch missbraucht noch relativiert werden. Die großen Wahlgewinner der letzten Monate in Deutschland duldeten den Antisemitismus zumindest. In vielen jüdischen Familien werde wieder über den Weggang aus Deutschland gesprochen. „Wo sind diejenigen, die aufstehen und der Jüdischen Gemeinde sagen: Wir sind auf eurer Seite?“

Löhrmann sagte, der 7. Oktober und der nachfolgende Krieg hätten auch Deutschland und Nordrhein-Westfalen verändert. Er habe Hass und Terror befeuert, von Jüdinnen und Juden werde verlangt, dass sie sich erklären und Verantwortung für das Handeln der israelischen Regierung übernehmen sollen. Indes, so Löhrmann: „Die Synagogen sind keine Außenposten der israelischen Botschaft.“

Laut einer offiziellen Statistik gab es im letzten Jahr in NRW zwei antisemitische Straftaten pro Tag. Mehr denn je komme es auf die Kraft der Zivilgesellschaft an. Davon zeugten auch – wie in Aachen beispielhaft – die Bildung von Netzwerken durch Menschen, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen. „Demokratie ist resilient, wenn politische Gegner nicht Feinde werden, sondern Gegner bleiben. Deutschland trägt eine besondere Verantwortung gegenüber jüdischem Leben. Das ‚Nie wieder‘ muss sich im Alltag bewähren“, sagte Löhrmann. Man dürfe nicht vergessen und verdrängen, vor allem müsse verhindert werden, dem Terror die Macht zu geben: „Es bedarf starker Zeichen gegen Antisemitismus und für sichtbares, sicheres jüdisches Leben.“

Bürgermeisterin Ulla Griepentrog als Vertreterin der Stadt Aachen hatte das Gedenken mit der Feststellung eröffnet, dass die Veranstaltung in emotional und politisch äußerst bewegten Zeiten stattfinde. Der 7. Oktober stehe für brutalen Terror der Hamas, für Angst, Trauer und Verlust. Die Gesellschaft habe sich auch in Aachen verändert, die Debatten hätten sich verschärft. Ja, es gehe um die Sicherheit Israels, das Leid der Menschen dort, aber auch das Leid der Palästinenser dürfe man nicht ausblenden: „Es gilt, mehrere Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. Dabei darf Antisemitismus in Aachen keinen Platz haben und jüdisches Leben muss selbstverständlich möglich sein. Jüdische Menschen dürfen nicht für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden, und Palästinenser dürfen nicht pauschal unter Verdacht gestellt werden.“ Lesen Sie auch:Aachen gründet Initiative und setzt Zeichen gegen Antisemitismus Aachen Initiative gegen Antisemitismus: Pia Kohs und Timotheus Eller (Citykirche), Bettina Offergeld, Ruprecht van de Weyer, Elisabeth Paul und Maria Kehren.

Eingeladen zu der Veranstaltung hatte die erst kürzlich gegründete „Initiative gegen den Antisemitismus“. Sie wird getragen von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, dem Gedenkbuchprojekt und den Omas gegen Rechts. Unterstützt wird sie von der Amadeu Antonio Stiftung. Für den passenden musikalischen Rahmen der Gedenkfeier sorgte Pianist Luis Castellanos, erster Preisträger des Chopinwettbewerbs in Kolumbien und Mitglied der Jüdischen Gemeinde Aachen, die mit zahlreichen Repräsentanten vertreten war.

Mit einer Spendenaktion wurden Gelder für den Wiederaufbau des zerstörten Kibbuz Nir Oz und die Traumabehandlung von Waisenkindern gesammelt. 50 Menschen in dem Kibbuz wurden ermordet, 70 Personen als Geiseln in den Gazastreifen entführt. Insgesamt wurden bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 über 1200 Menschen in 20 israelischen Ortschaften getötet und 240 Menschen als Geiseln verschleppt. Zentraler Schauplatz des Überfalls war das Supernova-Musikfestival nahe dem Kibbuz Re‘im, wo die Terroristen Hunderte feiernde Jugendliche einkesselten und umbrachten.

Quelle: Aachener Zeitung, 8.10.2026