Martha und Walter Maas: Verfolgung, Widerstand und Neubeginn
von Rudolf Schroeder
Bewegender Vortrag in der VHS Aachen im Rahmen des Projektes „Wege gegen das Vergessen“: die Lebensgeschichten von Martha und Walter Maas. Wilma Hoekstra-von Cleef hat recherchiert. In ihrem Vortrag schildert sie die bewegende Geschichte ehemaliger Aachener anhand von Lebenszeugnissen und Fotografien.
Die Biografien von Martha und Walter Maas erzählen zwei ebenso bewegte wie bewegende Lebensgeschichten. Die in Aachen geborene Fotografin und Künstlerin Martha (1893-1970), geb. Rosenfeld, und ihr Ehemann Walter, Schriftsteller und Publizist, (1900-1981) wurden unter dem NS-Regime wegen Marthas jüdischer Herkunft verfolgt und überlebten trotz aller Repressalien. Ab 1961 fand das Paar in der Schweiz eine neue Heimat.
Lebensgeschichten aus dem Vergessen zu holen und individuelle Biografien öffentlich zu machen, war der Leitgedanke von Antje Thul, Leiterin des Projekts „Wege gegen das Vergessen“, mit dem sie einen Vortrag an der Volkshochschule Aachen eröffnete. Walter Maas war ein gesellschaftlich engagierter Schriftsteller und publizierte die erste deutschsprachige Biografie über Mahatma Gandhi. Walter Maas war ein gesellschaftlich engagierter Schriftsteller und publizierte die erste deutschsprachige Biografie über Mahatma Gandhi. Foto: Stefan Maria Rother
Referentin der gut besuchten Veranstaltung war Wilma Hoekstra-von Cleef, 2. Vorsitzende des Gedenkbuchprojekts für die Opfer der Shoah aus Aachen. Sie hatte den Nachlass von Walter Maas im Archiv der Akademie der Künste Berlin sichten können und dabei gar nicht oder kaum mehr bekannte literarische Schriften entdeckt. Für ihre Recherchen konnte Hoekstra-von Cleef auch auf Unterlagen aus dem Nachlass von Martha Maas zurückgreifen. Diese stellte der Berliner Fotograf Stefan Maria Rother zur Verfügung, der über Kontakte zu einem Neffen der Künstlerin Zugang zu zahlreichen Dokumenten erhalten hatte. Seine angekündigte Teilnahme am Vortrag musste er kurzfristig absagen. Auch ohne Rothers Unterstützung gelang es der Referentin eindrucksvoll, die Lebenswege von Martha und Walter Maas mit all ihren Brüchen, Höhen und Tiefen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Aufbegehren und Verstecken, Rückzug und Aufbruch nachzuzeichnen. Die Aachener Fotografin Martha Maas wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft unter dem nationalsozialistischen Regime verfolgt. Die Aachener Fotografin Martha Maas wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft unter dem nationalsozialistischen Regime verfolgt. Foto: Stefan Maria Rother Lesen Sie auch:Warum die Kinofamilie Stürtz mit dem „Cineplex“ nicht ins Galeria-Gebäude wechselt Wird wohl kein Kino-Standort: der hintere Teil der Galeria-Immobilie in Aachen an der Reihstraße, Ecke Wespienstraße.
Martha war nach entsprechender Ausbildung bereits in den 1920er Jahren eine anerkannte Porträtfotografin und machte im Laufe der Zeit mit ihrem Atelier an der Theaterstraße in Aachen sowie zahlreichen Ausstellungen in ihrer Geburtsstadt sowie in Berlin und Köln auf sich aufmerksam. Ebenso wie seine spätere Ehefrau besuchte Walter Maas das Gymnasium, danach missglückte sein Maschinenbaustudium („Die Technik ist das absolut Böse“, so sein Fazit), er studierte dann Wirtschaft, Natur- und Sozialwissenschaften, promovierte, arbeitete ab 1929 als Wissenschaftlicher Assistent in Berlin, wo auch die Hochzeit stattfand. Im Rüstungsbetrieb
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise verlor er seine Stelle, arbeitete mit der Ehefrau in ihrem Atelier an der Pariser Straße – doch mit den zunehmenden Repressionen durch die Nationalsozialisten musste sich die Jüdin Martha beruflich immer mehr zurückhalten, konnte sich in ihrer Arbeit kaum noch entfalten. Der Versuch, nach Australien zu flüchten, misslang, das Fotoatelier schloss, Walter wurde in die Wehrmacht eingezogen, aber schon bald „wegen nichtarischer Versippung“ als wehrunwürdig entlassen und musste fortan in einem Rüstungsbetrieb arbeiten. Martha musste ab 1942 Soldatenuniformen nähen, ihre Mutter wurde im selben Jahr nach Theresienstadt deportiert und starb zwei Jahre später in dem Ghetto. Weil sie in einer sogenannten Mischehe lebte, wurde 1943 auch Martha interniert, kam aber dank der Proteste nach acht Tagen wieder frei und sagte: „Ich habe einen Blick in die Verruchtheit getan, zu der das menschliche Herz fähig ist.“
Nach dem Krieg hielt Walter Maas Vorträge an Volkshochschulen, verfolgte den Eichmann-Prozess und veröffentlichte 1949 die erste deutschsprachige Biografie über Mahatma Gandhi. Martha Maas arbeitete nicht mehr als Fotografin, kämpfte mit überschaubarem Erfolg um Entschädigung für die erlittenen Benachteiligungen und verlegte sich aufs Reisen. Walter Maas, der inzwischen seine Homosexualität offen lebte, aber als Weggefährte an der Seite seiner Frau blieb, engagierte sich für Menschenrechte, Naturschutz und die christliche-jüdische Verständigung. Ihren Glauben nannten sie „Juden-Christentum“: festhaltend an den jüdischen Traditionen und zugleich an Jesus glaubend. Martha Maas übte sich bis zum Ende ihres Lebens in Aphorismen – wie: „Wer nachträgt, hat viel zu schleppen.“
Quelle: Aachener Zeitung, 26.9.2026

