Gedenkbuch 2019

Felix Meyer

Wilma Hoekstra-von Cleef, Aachen, 01.07.2024

Diese Bank zur Erinnerung an Felix Meyer wurde gestiftet von seinen Urenkelinnen Helena Coxhead und Isabelle Walker.

Wer ist oder wer war Felix Meyer?

Quelle: Mettenheim

  1. Felix Meyer. Aachener

eigene Fotos HvC

Schaut man die Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof Aachens an, so vermutet man schon richtig, dass es sich hier um eine gut situierte, vermögende Familie gehandelt hat.

Die Brüder Elias und Moses Moritz Meyer, 1811 bzw. 1815 geboren, stammten aus Freckenhorst bei Münster in Westfalen. Sie werden im Jahr 1843 als Gebrüder Meyer in Aachen erwähnt. Ihr Geschäft wuchs zu einer der erfolgreichen jüdischen Tuchhandlungen. Dass Elias nicht unbedeutend für Aachen war, erkennt man etwa an der Gründung der Stiftungen, die er und seine Frau Friederike anlässlich ihrer Silberhochzeit und ihres Wegzugs aus Aachen gründeten.

Quelle: Allgemeine Zeitung des Judenthums 25.10.1870, Fundstelle: Familienbuch Euregio, I. Gedig

Dies ist nicht das einzige Beispiel. Elias und Friederike spendeten zu verschiedenen Anlässen und an unterschiedliche Personenkreise und Institutionen, z.B. Bildungseinrichtungen.

Wie sein Bruder Elias wurde auch Moritz Mitglied der Aachener Erholungsgesellschaft, beide wurden 1861 durch eine geheime Abstimmung, eine „Ballotage“, aufgenommen

Während Elias und seine Frau Friederike 1878 mit ihren beiden Kindern nach Berlin zogen, wo sie bis zu ihrem Tod Ende der 1890er Jahre wohnten, führten Moritz und seine Frau Sibilla, geborene Salomon die Kleiderhandlung Gebrüder Meyer und die Tuchfabrik Meyer et Comp. in Aachen weiter. Zunächst wohnte die Familie am Seilgraben, später in der Hochstraße, der heutige obere Teil der Theaterstraße. Das Paar bekam acht Kinder; die ersten beiden starben im Säuglingsalter, als späterer Nachfolger seines Vaters wurde 1845 Sali Eduard geboren, nach ihm noch fünf Töchter.

Hier zur Veranschaulichung die Stammlinie Moritz Meyer (DNB), abgedruckt in Mettenheim

Nach dem Absolvieren des Gymnasiums und einer Lehre an der Webeschule (am Boxgraben, heute FH Aachen)

Quelle: H. Gandelheid. Ansichtskarten-Album Aachen 1985

führte Eduard die Fabrik seines Vaters weiter. 1873 heiratete er gegen starke Bedenken seiner Eltern aus Liebe seine Cousine Pauline Salomon.

Thekla heiratete den evangelischen Nadelfabrikanten Friedrich Wilhelm Schumacher, der 1895 mit der Herstellung von Präzisions- und Normteilen begann und in der Folge eigene Maschinen und Anlagen auch ins Ausland produzierte und lieferte. Sie ist uns heute bekannt als Schumag-AG, die sich gerade wieder aus Cyberangriff und Insolvenz gerettet hat.

Aus der von Zeitzeugen und Nachfahren als äußerst glücklich bezeichneten Ehe von Eduard und Pauline gingen sechs Kinder hervor: Else 1874, Felix 1875, Georg 1877, Dora 1882, und 1888, im Todesjahr seines Vaters Moritz, die Zwillinge Meta und Erna.

Quelle: Aachener Anzeiger 7.9.1888, Fundstelle: Familienbuch Euregio

Moritz hinterließ seinem Nachfolger Eduard ein großes Vermögen von 2,5 Millionen Mark, das wären nach heutiger Kaufkraft fast 20 Millionen Euro. So zog er mit seiner Familie in ein großes Haus an der Wilhelmstraße 50. 16 Zimmer, ein großer Garten, Pferdestallung und anstoßende Tuchfabrik.

Schon Felix‘ Vorfahren zwei Generationen vor ihm, zeichneten sich durch Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft, einem Gefühl der Verantwortung gegenüber Schwächeren, Ärmeren aus, Eigenschaften und Handlungsweisen, die sich in der Familie fortsetzen. Dass Elias seinerzeit gleichermaßen jüdische wie christliche Studenten förderte, zeigt seine offene, liberale Einstellung. Auch die wird quasi „weitervererbt“, wie man noch sehen wird.

Auch das Interesse an Wissenschaft und Forschung zieht sich durch die Generationen, genau wie bei einigen die Liebe zur Literatur und Poesie.

Eduard wird in den Vorstand der Industrie- und Handelskammer und der Webeschule gewählt, auch gründet er das Rote Kreuz in Aachen. Pauline ruft den Sparbüchsen-Verein ins Leben, der bedürftige Juden, meist Ostjuden, finanziell unterstützt.

  1. Felix Meyer. Jude

In dieser Zeit, kurz nach der Jahrhundertwende, lebten in Aachen 1600 Bürger jüdischer Konfession, das machte 1,2 % der Einwohner aus. Sie waren Handwerker, Händler, Gastwirte, Fabrikanten, Lehrer, Juristen, Ärzte, Professoren, saßen im Stadtrat, bei der Industrie- und Handelskammer, beteiligten sich, wie schon erwähnt, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt. Sie waren patriotisch und überwiegend liberal. Anzeichen von Antisemitismus waren eher selten. (vgl. Mettenheim, S.12f)

Am 12. Dezember 1875 kommt also Robert Felix Meyer zur Welt, das zweite Kind von Eduard und Pauline.

Quelle: Helena Coxhead-Somary

Felix ist kein guter Schüler, er widersetzt sich dem Stoff und den Lehrern, hat seine eigene Meinung, was für ihn gut oder nicht gut ist. Schon früh zeigt sich ein unbändiger Freiheits- und Selbstbestimmungswille. Er verlässt das Gymnasium nach der Obersekunda und macht eine Färber-, Spinner- und Weberlehre, absolviert Volontariate in Deutschland und England und arbeitet danach in der väterlichen Fabrik mit. Diese Zeit empfindet er nach seinen eigenen Worten als sehr glücklich

Um Eduards Fabrik steht es inzwischen nicht mehr gut. Felix‘ Vater scheint als Geschäftsmann keine glückliche Hand zu haben, muss außer seiner eigenen Familie auch zwei verwitwete Schwestern unterstützen. Felix, der zu dieser Zeit bereits an der Vereinfachung technischer Vorgänge arbeitet, erfindet den Zwillingswebstuhl, einen Webstuhl zur gleichzeitigen Herstellung mehrerer Gewebe übereinander. Das Patent dafür verkauft er und steckt das Geld in die Firma, was nicht sehr viel hilft.

Im Jahr 1903 trifft er Marguerite Darmstädter ganz zufällig am Aachener Bahnhof. Deren Eltern, der Kaufmann Joseph Darmstädter und seine Frau Clara, sind 1866 aus Mannheim nach Antwerpen ausgewandert, sie haben Bekannte in Aachen, die Marguerite besuchen will. Sein ebenfalls am Bahnhof wartender Onkel Bernhard Salomon prophezeit ihm bereits da, dass er die schöne junge Frau heiraten wird.

Quelle: Mettenheim

Tatsächlich umwirbt Felix Marguerite, sie verlieben sich ineinander, sind sich aber dessen bewusst, dass sie mit einer Heirat noch lange warten müssen. Felix steht finanziell auf sehr unsicheren Füßen und kann deshalb noch keine Familie gründen. Sein damaliges Lebensgefühl beschreibt er später so: „…mir [stand] immer ein Bild vor Augen: Ich stand vor einem tiefen Abgrund, jenseits desselben erhob sich ein hoher Berg, der hatte eine besonnte Spitze. Und ich sagte mir immer, es ist Deine Lebensaufgabe, Dich und die Deinigen, die diesen Abgrund hinunterfielen, soweit zu bringen, dass wenigstens der Anfang zum Aufstieg auf den gegenüberliegenden Berg gesichert ist. Wenn Dir das gelungen ist, dann kannst Du ruhig wieder zurückstürzen, denn dann finden die Andren ihren Weg zum Aufstieg allein.“ Ein hohes Verantwortungs- und großes Pflichtgefühl wird in diesem Traumbild deutlich: der väterlichen Fabrik und damit der finanziellen Versorgung seiner Eltern und Tanten gegenüber wie auch seinen Geschwistern, die jüngsten Schwestern sind erst 15 Jahre alt. Er verlobt sich mit Marguerite, kann ihr aber keine Hoffnung auf eine baldige Heirat machen. Seine Tante Elvira zeigt sich zudem sehr konsterniert ob der Tatsache, dass die Braut beinahe mittellos ist und man sich so keine Hoffnung auf eine Sanierung der Finanzen durch die Heirat machen darf. Aber Felix hat wie meist eine schlagfertige Replik: „Meine Braut besitzt alle guten Eigenschaften, nur kein Geld. Dies ist das Einzige, was man erwerben kann, während das bei ersteren nicht der Fall ist.“

Auch Marguerite ist in Antwerpen kaum entbehrlich: Seit ihre Mutter verstorben ist, der sie versprochen hatte, nicht vor ihrem 25. Lebensjahr zu heiraten, kümmert sie sich um ihre vier Geschwister.

Felix resigniert sehr bald im Hinblick auf eine mögliche wirtschaftliche Erholung der Firma und bittet seinen Vater, die Fabrik zu verkaufen. Die verbleibenden Schulden übernimmt er persönlich. Er setzt seine Hoffnung auf seinen Erfindungsgeist und tüftelt unermüdlich an technischen Entwicklungen. Im Mai 1906, an Marguerites 25. Geburtstag, heiraten Marguerite und Felix dann doch und beziehen eine bescheidene Wohnung in der Kurbrunnenstraße 22 in Aachen, zu der auch eine Werkstatt gehört. Felix gelobt Marguerite, die Ehe nie zu brechen, kann aber nicht versprechen, sie nicht zu biegen und Sprüche wie: „Schätzchen, für dich werde ich alles tun, aber nichts lassen“, amüsieren die Nachfahren noch heute.

Marguerite blickt auf die Anfangszeit ihrer Ehe so zurück: „Ausgehen, Theater oder Konzerte gab es in unserer jungen Ehe nicht, aber keiner von uns beiden entbehrte sie. Wir hatten uns vorgenommen, bescheiden zu leben, bis Felix alle übernommenen Schulden abgetragen hatte.“ Felix hatte Tag und Nacht an technischen Erfindungen experimentiert. Er hatte sich sein Wissen empirisch angeeignet, war ja kein Ingenieur oder Chemiker, hatte aber wohl die Gabe zu erkennen, wie man technische Vorgänge vereinfachen und die Anwendung praktikabel machen konnte. Bis zur Gründung seiner eigenen Firma 1909 lebte Felix mit Frau und den beiden 1907 und 1908 geborenen Töchtern von den Lizenzen seiner Patente, von denen er insgesamt ca.250 erreichte.

Quelle: Aachener Anzeiger 30.12.1910, Fundstelle: Familienbuch Euregio

1910 starb Felix‘ Mutter Pauline ganz plötzlich.

Felix‘ Vater Eduard widmete sich in seinen letzten Lebensjahren der Literatur und der Kunst, seiner eigentlichen Leidenschaft, und galt bald als Kenner. Als er im Alter sehr leidend wurde, zog Felix 1914 mit Frau und Töchtern zu ihm in die Wilhelmstraße und kümmerte sich als „pater familias“ um zehn dort wohnende Familienmitglieder, darunter eben ein Kranker und drei Kinder. Die Lebensmittelknappheit verstärkte die Sorgen noch. 1917 starb Eduard.

  1. Felix Meyer. Erfinder

Zurück ins Jahr 1909:

Bedeutende und bekannte Erfindungen Felix Meyers:

Quelle: www.yokogawa.com/rota-de/pdf/Festschrift_100_Jahre-pdf

Am bekanntesten wurde wohl der sogenannte Rotameter.

Dem Aachener Privatgelehrten und Erfinder Karl Küppers gelang 1908 eine entscheidende Weiterentwicklung eines Geräts zur Durchflussmessung von Gasen und Flüssigkeiten, das 40 Jahre zuvor von einem Amerikaner konstruiert worden war. Küppers konnte die Apparatur wesentlich verbessern und meldete sie im gleichen Jahr zum Patent an. Sein Freund Felix Meyer erkannte sofort die Bedeutung dieser Erfindung, Küppers verkaufte ihm gern das Patent und FM gründete 1909 zusammen mit Rudolf Inhoffen die „Deutsche Rotawerke GmbH“. Er optimierte die Genauigkeit des Geräts erneut, und produzierte und vermarktete den Rotameter industriell. Der Name bezieht sich vermutlich auf das Rotieren des Schwebekörpers im Messgerät. Das Werk war zu Beginn eine kleine Manufaktur, untergebracht in der Werkstatt Meyers an der Kurbrunnenstraße. Inhoffen schied 1910 aus der Firma aus. Angesichts der steigenden Zahl der Aufträge brauchte Meyer bald eine größere Produktionsstätte und konnte 1914 zusammen mit seinem Cousin Erich Schumacher, der leider bald danach verstarb, einen Gebäudekomplex in der Vereinsstraße kaufen. Hier wurden nicht nur die Durchflussmesser produziert, sondern zwischen 1914 und 1918, also im 1. Weltkrieg, auch andere Erfindungen Meyers umgesetzt, wie z.B. Geräte zur Zerstäubung von Ungeziefervertilgungsmitteln, Härtung von Elektron durch Hämmern zur Herstellung von Schlagstiftoberteilen von Geschossen, was Deutschland unabhängig von Lieferungen aus dem Ausland machte, Umbau von Webstühlen zum Sägen von Stahlstangen, in Zusammenarbeit mit dem Mediziner Friedrich Pauwels die Weiterentwicklung und Herstellung funktionstüchtiger Armprothesen. Ausschnitt aus einem Plakat in der Abt. Orthopädie der Uniklinik Aachen

Das waren kriegswichtige Geräte, so wurde Felix nicht zum Kriegsdienst herangezogen.

Im selben Jahr überträgt Meyer die Firma zu je 50 Prozent an seine noch jugendlichen Töchter.

Quelle: Mettenheim

Die Produktion der Schlagstiftoberteile von Geschossen war nach Berlin verlegt worden, wo Felix‘ Bruder Georg als Prokurist angestellt war. Nach dem Krieg fertigte sie Metallkämme, denn Felix sah voraus, dass „lausige Zeiten“ kommen würden. Ihn reizte es immer stärker, Fortschritte in der Medizintechnik erreichen zu können; in den 20er Jahren entwickelte er die Autorota, eine Maschine, die die bisherigen einzelnen Arbeitsschritte zur Herstellung, Etikettierung, Sterilisierung von Ampullen, Kanülen und Spritzen vollautomatisch erledigte.

Anfang der 1920er Jahre kaufte Felix ein eigenes Haus in der Salierallee 23, 1929 die Villa Eupener Straße 29 mit einem großen Garten.

Quelle: Sammlung Holger Dux

Sie wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg von den Architekten Bachmann & Lürken für den Bankdirektor Friedrich von Stösser errichtet, der 1925 verstarb.

Sobald es Felix wirtschaftlich gut ging, förderte er auch außerhalb der Familie und der Fabrik junge Menschen; er ermöglichte jungen Künstlern den Start, finanzierte der Tochter eines Handwerkers das Studium. Diese bedankte sich später mit der Stiftung „The Felix Meyer Memorial Award“ zur Starthilfe für junge Menschen in Israel.

Die inzwischen erwachsenen Töchter mussten nicht in die Firma einsteigen, sie durften selbst über ihre Berufswahl entscheiden. Kläre nahm in Bonn ein Studium der Kunstgeschichte auf, Margot begann in Berlin eine Ausbildung in einem medizinischen Labor. (Wäre eine von ihnen ein Sohn gewesen, hätte das vielleicht anders ausgesehen.)

In Bonn lernte Kläre den evangelischen Theologiestudenten Johannes (Hans) Hennig aus Leipzig, Sohn eines Pfarrers, kennen. Hans gehörte zum Freundeskreis um Karl Jaspers. Die jungen Leute verliebten sich und planten eine gemeinsame Zukunft. Aber als angehender Pfarrer würde Hans keine Jüdin heiraten dürfen, auch Felix war gegen eine Heirat mit einem Nicht-Juden, nicht etwa aus religiösen Gründen, nein, er „wünschte seinen Töchtern jüdische Männer, da er der festen Überzeugung war, dass nur bei ihnen eine Frau davor sicher sein kann, nicht geprügelt zu werden.“ (Mettenheim) Kläre und Hans ließen sich davon nicht beirren und waren sich sicher, zueinander zu passen und zusammen bleiben zu wollen. Die Entschließung zur Heirat wurde dann allerdings von außen herbeigeführt:

Als Hans Hennig im Februar 1933 die letzten Abschnitte seiner Dissertation in Philosophie verfasste, sah er in der Zeitung das Foto eines Mannes, der der „Rassenschande“ mit einer Jüdin bezichtigt und angeprangert wurde - ich verzichte auf die zeitgenössisch menschenunwürdige genaue Formulierung. Da wurde Hans klar, dass er seine Braut sehr schnell heiraten musste. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar und dem Ermächtigungsgesetz am 24. März würde von Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie Gleichheit aller Deutschen vor dem Gesetz keine Rede mehr sein. Mitten in Hans‘ Prüfungen zum Staatsexamen in Germanistik heirateten Kläre und er in Aachen am 11. April.

Mit 22 Jahren hatte Hans Hennig zwei akademische Abschlüsse geschafft, doch Berufsaussichten hatte er keine. Mit einer Jüdin verheiratet, konnte er weder ein Pfarramt noch eine Lehrerstelle noch eine wissenschaftliche Laufbahn antreten, das entsprechende Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums galt seit dem 7. April. So nahm er das Angebot seines Schwiegervaters, in die Firma einzutreten, an.

Gegenüber der Villa in der Eupener Straße 29 lag das Gut Bodenhof, eine ehemalige Wasserburg mit repräsentativem Herrenhaus.

Quelle: Stadtarchiv Aachen

Es gehörte dem früheren Nadelfabrikanten Heinrich Nütten, mit dem Felix ein für beide Seiten passendes Agreement traft: Der kinderlose verwitwete Rentner Nütten bekommt ein ordentliches monatliches Einkommen von Felix, dafür überschreibt dieser ihm den Bodenhof nach seinem Tod. Nütten starb 1930.

Dorthin zogen Kläre und Hans, dort wurden ihre beiden Töchter Gabriele und Monica 1936 und 1938 geboren. Hans war inzwischen zum Katholizismus übergetreten, die beiden Töchter wurden katholisch getauft. Den Eltern war bei der Erziehung aber wichtig, dass den Kindern ihre jüdischen und protestantischen Wurzeln bewusst blieben.

Aufgrund der immer bedrohlicher werdenden politischen Lage schlug Hans vor, dass die ganze Familie in die USA auswandern solle, doch Felix lehnte das ab. Hans hätte dort seiner eigentlichen Berufung nachgehen können, Felix hätte an Erfindungen arbeiten können – aber er fühlte sich so sehr als Deutscher und in Deutschland verwurzelt, dass das für ihn nicht in Frage kam. Er sah sich bisher geschätzt als Mensch, Bürger, Erfinder, Patriot, nicht religiös lebend und glaubte nicht, dass ihm etwas passieren könnte, ein Irrtum, den er später bitter bereuen würde.

Dass Felix 1938 in die USA reiste und, obwohl er die Möglichkeit hatte, dort zu bleiben und zu arbeiten, wieder nach Deutschland zurückkehrte…vielleicht, nein, bestimmt war es nicht nur fehlende politische Einsicht, sondern auch die Sorge um seine Angehörigen.

Felix und Marguerites zweite Tochter Margot hatten die Eltern in die Schweiz nach Neuf-Chatel geschickt, um ihre Kenntnisse in Französisch zu optimieren. Das erwies sich als große Weitsicht und großes Glück, denn Margot lernte dort ihren Mann Jean-Michel Junod kennen, einen Medizinstudenten. Das Paar heiratete 1938 in Aachen. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit Kläres Mann schlug Jean-Michel nun nicht mehr das Vorurteil des prügelnden nichtjüdischen Ehemanns entgegen. Auch er wurde später neben seinem Beruf als Chirurg literarisch tätig und veröffentlichte u.a. sieben Romane.

Zunächst zog das Paar aber nach Berlin, wo Jean-Michel ein Semester bei Professor Sauerbruch studierte.1939 wurde dort ihr Sohn geboren. Als die kleine Familie in die Schweiz zurückwollte, musste Margot, obwohl durch die Heirat Schweizerin geworden, eine hohe Summe Fluchtsteuer bezahlen, und kam dann in einer Zitterpartie über Belgien und Frankreich schließlich in die Schweiz zurück.

Für die Ausführung von Görings „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ war in Aachen der Regierungspräsident zuständig. Die angeordnete Arisierung traf 1938 auch Felix‘ Firma.

Kläre überschrieb ihrem Mann ihren Anteil, ein langjähriger nichtjüdischer Mitarbeiter erwarb 15%. Margot durfte nur noch 24% halten. Nichtjüdische Mitarbeiter der Firma sowie ein den Nazis nahestehender SS-Mann mussten als Komplementäre in die Firma aufgenommen werden. Felix‘ Rücklagen zog das Finanzamt ein. Er hatte sich nie ein Gehalt gezahlt, sondern sich nur diese Rücklagen für seine Altersrente garantiert.

Am 10.November 1938 wird Felix morgens von der Gestapo abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Damit ist ihm endgültig klar, dass er seine Hoffnung, in Deutschland weiterleben zu können, aufgeben muss. Er hat noch Glück: Der Gefängnisarzt ist ein Freund seines Hausarztes und Felix wird am Abend aus dem Gefängnis entlassen. Die meisten anderen Verhafteten unter 60 Jahren werden in Konzentrationslager verschleppt. Felix beantragt danach sofort seine Auswanderung nach Belgien.

90 Jahre, drei Generationen hindurch war Aachen den Familien Meyer Heimat gewesen.

Es folgen weitere Schikanen und Enteignungen: Führerscheinentzug, Verbot, die Firma zu betreten, die Pässe werden eingezogen, Schmuck und Sparbücher müssen abgegeben werden. Mit Hilfe eines Notars gelingt es Felix noch, seinen Töchtern zwei seiner Häuser zu schenken, um für sie und die Enkel etwas von seinem Besitz zu retten. Am 30. November schreibt er: „…selten hat jemand so wie ich die Zeichen der Zeit und die Menschen falsch gesehen.“

Marguerite schildert die Zeit zwischen dem 10. November 38 und der Ausreise am 2. Februar 39 so:

Wir wussten nicht, ob und für wann die Auswanderung genehmigt würde; […] Felix war äußerst deprimiert, er hatte seine Fabrik nicht mehr betreten, man wagte sich kaum mehr auf die Straße. Im Hause war man isoliert, da christliche Einwohner sich nicht mehr in jüdische Häuser wagten, bis auf seltene Ausnahmen. Wir setzten uns mit dem belgischen Konsulat in Verbindung und baten um die Erlaubnis, nach Belgien einzuwandern und uns dort dauernd niederzulassen.

Allmählich ließen wir packen, da wir nicht wussten, wann die Ausreise stattfinden würde. Wir wurden sehr besorgt, als wir erfuhren, dass die Partei Felix zu den Leuten rechnete, die sie als wirtschaftlich wertvoll" bezeichnete

Wir wussten nicht, ob wir unsere Pässe mit den nötigen Visa jemals erhalten würden. Nach dreimonatiger sorgenvoller Ungewissheit wurden wir eines Abends zur Regierung bestellt. Wir benachrichtigten das belgische Konsulat vorher und fuhren abends um 7 Uhr zum Polizeipräsidium. Der Beamte empfing uns mit folgenden Worten: ‚Hier sind Ihre Pässe, geqen den Willen der Partei! Die Regierung gibt sie Ihnen, aber ohne jede Garantie, verlassen Sie Deutschland aufs schnellste.‘ Wir fuhren von da zum belgischen Konsul […], der auf uns gewartet hatte und uns die nötigen Visa gab! Mit schwerem Herzen verließen wir am nächsten Morgen um 8 Uhr unser Heim im Taxi.

Wir fuhren an Felix‘ Lieblingsbesitz, dem Bodenhof vorbei, wo Kläre und die Kinder zurückblieben, Hans fuhr neben uns her, in seinem Wagen; er hatte noch Pass und belgisches Visum und wollte uns eventuell behilflich sein. Wir erreichten bald die Grenze, gingen zur Zollkontrolle und wurden untersucht, man wusste natürlich, dass wir auswanderten. […] Die Wagen [mit unserem Umzugsgut] standen seit 10 Tagen da und warteten auf unsere Ausreise! Sie waren in Eile über die Grenze geschafft worden, als man in letzter Stunde noch unser Silber holen wollte! […]

Noch ein paar Minuten Fahrt und wir waren auf belgischem Gebiet. Wir entließen den deutschen Chauffeur und stiegen in Hans‘ Wagen. Hans brachte uns zu seinem Bruder Karl nach Eupen, wo wir eine Stunde verweilten. Dann ging es weiter nach Herbesthal.[…] Der Zug fuhr ein. […] Jetzt waren wir gerettet, im Zuge nach Brüssel! Man konnte nicht sogleich fassen, dass man der Gestapo entronnen war!

In Brüssel nahmen uns unsere Freunde [Lagranges] in Empfang […]. Sie luden uns für die ersten Tage zu sich ein; nachher zogen wir in ein Hotel und von dort aus suchten wir Wohnung. Wir hatten Deutschland mit je 10 Mark verlassen. Felix war immer äußerst korrekt gewesen und hatte seine ausländischen Einkommen Monat für Monat nach Aachen kommen lassen, so besaßen wir kein Vermögen im Ausland. Aber vor der Ausreise gelang Felix ein ungewöhnliches Abkommen mit den deutschen Behörden. Es wurde ihm genehmigt, seine ausländischen Lizenzen nach Belgien zu nehmen; allerdings gegen eine Entschädigung an die Golddiskontbank in Deutschland von 750 000 Mark! Bei der Besprechung des Abkommens war der Beamte so verängstigt, dass er Felix bat, das Telephon mit seinem Hut zuzudecken, denn auch die Beamten standen unter furchtbarem Zwang. Dieses Einkommen aus USA-Lizenzen erlaubte uns später, in Brüssel zu leben.“

Schwiegersohn Hans Hennig schreibt in seiner Autobiografie: „Die Erlaubnis [für Felix] zur Übersiedelung wurde deutscherseits gegeben unter der Bedingung, dass meine Familie als Geiseln zurückblieben dafür, dass mein Schwiegervater nicht im Ausland ein Konkurrenzunternehmen aufmachte.“ Im Aachener Firmennamen wird Felix Meyers Namen durch Dr. Hennig ersetzt.

Die Anzeichen eines kommenden Kriegs mehrten sich, und so begann auch Hans Hennig die Auswanderung seiner Familie vorzubereiten. Er gelangte am Ende mit Kläre und den Kindern nach Dublin, wo er seine Familie als Deutschlehrer, später auch als Autor und für verschiedene staatliche Gesellschaften tätig durchbringen konnte.

Quelle: John Hennig, Die bleibende Statt (Herder)

Felix und Marguerite haben Freunde in Belgien, das Ehepaar Jaques und Hilda Lagrange. Jaques Lagrange ist Leiter der Niederlassung Rota Franco-Belge, seine Frau eine Jugendfreundin von Kläre und Margot. Sie bürgen gegenüber dem belgischen Staat für Marguerite und Felix, damit diese eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Vorerst können die beiden im Haus der Lagranges in Le Zoute/Het Zoute am Meer wohnen. Sie suchen aber eine Wohnung in Brüssel und werden im Mai fündig in der Avenue Molière 112. Sie ist so groß, dass sie ihr Umzugsgut aus der Eupener Straße in Aachen dort unterbringen können.

Quelle:https://monument-heritage.brussels/ft/buildings

Im Vergleich zu anderen Flüchtlingen ist das Ehepaar Meyer recht privilegiert. Dank der USA-Lizenzen und des mitgebrachten Hausrats herrscht materiell keine Not, aber Felix leidet unter der erzwungenen Untätigkeit und fühlt sich nutzlos. Er hilft Marguerite im Haushalt, möchte sich aber „über etwas den Kopf zerbrechen, nicht nur die Teller seiner Frau.“ Auch schmerzt ihn die Untreue früherer Vertrauter in seinem Aachener Betrieb: „Es ist interessant, wie die Raubinstinkte in dem Land sich entwickeln, und wie früher einigermaßen anständige Menschen diese Judenjagd mitmachen.“ Zudem verkraften beide die Trennung von ihren Töchtern und Enkelinnen kaum. Aber es wird viel schlimmer kommen: Am 10. Mai 1940 besetzen die Deutschen Belgien und Felix wird als deutscher Staatsangehöriger festgenommen. Wieder hat er Glück: sein belgischer Freund Dr. de Mol setzt sich beim Justizminister für ihn ein und er wird am nächsten Tag freigelassen. Felix und Marguerite haben große Angst vor den Deutschen und versuchen, nach Frankreich zu fliehen. Marguerite erinnert sich: „Felix hatte gerade in diesen Tagen eine Aufforderung des ‚Institut Pasteur‘ [in Paris] erhalten, dorthin zu kommen, um ihnen Maschinen zu bauen. Es handelte sich um Venülen und Serülen, welche dort erst halbautomatisch hergestellt wurden.“ So versuchen sie, in einem alten Auto, das Felix auftreiben konnte, die französische Grenze zu erreichen. Unterwegs herrscht ein unglaubliches Chaos, da viele die gleiche Idee verfolgten und die Deutschen das Land bombardierten. Ich kürze es ab: Sie kommen nicht mehr über die Grenze und müssen sich wegen der Kampfhandlungen bei einem Bauern verstecken, bis sie nach Belgiens Kapitulation nach Brüssel zurückkönnen.

Sie erfahren, dass ihre Töchter in der Schweiz und in Irland in Sicherheit sind und können, zwar verschlüsselt wegen der deutschen Zensur, mit ihnen korrespondieren. Leider sind in der Zeit ihrer Abwesenheit viele wertvolle Sachen aus ihrer Wohnung gestohlen worden, sie wissen nicht, wie sie die Miete bezahlen sollen, erfahren, dass in ihr Haus an der Eupener Straße in Aachen das Wehrmeldebüro eingezogen ist… Felix ist sehr deprimiert. Dennoch geht das Leben in Brüssel vorerst weiter wie vor dem Überfall.



  1. Felix Meyer. Menschenretter

Nach der Kapitulation König Leopolds III. vor der deutschen Wehrmacht kommt am 30.Mai 1940 Alexander Freiherr von Falkenhausen als Militärgouverneur nach Brüssel. Bei seiner Ankunft soll er zu seinen Begleitern gesagt haben: „Recht, Gerechtigkeit und Menschlichkeit stehen über allem.“ Danach habe er sein ganzes Leben gehandelt und werde das auch weiterhin tun. (Marion Schreiber, Stille Rebellen, S.41f). Man möchte ihm das gern abnehmen, aber letztlich ist die Militärverwaltung dazu da, das besetzte Land militärisch zu sichern. Hitler hätte lieber ein NSDAP-Mitglied in dieser Funktion gesehen, aber die Generäle wollten ein Vorgehen der Nazis wie in Polen verhindern und lieber „eine soldatische Führung mit fachkundigem Wissen und militärischer Disziplin […].“ (Schreiber, S.41f)

Falkenhausens Verwaltungschef ist Eggert Reeder, der frühere Regierungspräsident von Köln und Aachen, zwar Parteimitglied, aber kein Antisemit. Beide Herren verachten die Nazis und die Gestapo. Es gelingt ihnen aber nur kurz, das Image des korrekten Besatzers aufrecht zu erhalten. Schon im Oktober 40 erhalten Sicherheitsdienst und Sicherheitspolizei ihre Anweisungen direkt aus dem Reichssicherheits-hauptamt, vorbei an der Militärverwaltung

Im November 1941 tritt SS-Obersturmführer Kurt Asche, ein fanatischer Antisemit, seinen Dienst als „Judenreferent“ in Brüssel an.

Felix Meyer wird es demnächst verstehen, die Rivalität zwischen diesen Dienststellen auszunutzen.

Ende November zitiert Asche den Oberrabbiner Salomon Ullmann in die SS-Zentrale zwecks Einrichtung eines selbstverwalteten Judenrats. Weil die jüdischen Honoratioren glauben, Schlimmeres verhindern zu können, stellen sie sich zur Verfügung. In Wahrheit aber ist die Association des Juifs en Belgique (AJB), wie der Judenrat hier heißt, dazu da, bei der Entrechtung und Deportation ihrer Glaubensgenossen zu helfen. Kurt Asche ist ihnen ein gnadenloser Verhandlungspartner; Maurice Benedictus, bis zu seiner Flucht 43 Mitglied im Vorstand, nannte ihn einen „Nazikriminellen par Excellence“. (Schreiber S.62) Asche sei ein Sadist, ein Trinker, launisch und grob.

Eine Reihe von antijüdischen Verordnungen ähnlich denen, die schon in Deutschland galten, verschärfen zwischen 1942 und 44 die gefährliche Situation der Juden in Belgien. In Belgien stand die Religions-zugehörigkeit nicht im Pass vermerkt, die belgische Verwaltung wehrte sich gegen die Registrierung, weil sie gegen die Verfassung verstieß, die eine Diskriminierung wegen Rasse oder Religion verbot. Das ändert sich nun. Dem Meldeaufruf kommen ungefähr 45.000 Juden nach. Folgeverordnungen wie Enteignungen, Entfernung aus Ämtern und Schulen, Kennzeichnung jüdischer Gaststätten, Verbot, in andere Städte als Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Charleroi umzuziehen bis zum Zwang, den Judenstern zu tragen. Die Mitglieder des Judenrats werden systematisch kontrolliert, in Brüssel haben sie wöchentlich bei Asche anzutreten, der ihnen mit harten Strafmaßnahmen droht, wenn die Listen unvollständig sind. „Identifiziert, gezeichnet, auf seine Wohnung beschränkt, von der übrigen Bevölkerung isoliert, seiner Güter und seiner beruflichen Aktivitäten beraubt“ (Schreiber S.65): all das zielte auf die sogenannte „Endlösung“ ab: die Deportation nach Auschwitz. Wer sich von nun an nicht mehr selbst erhalten konnte oder Widerstand leistete, landete im KZ Breendonck, einer ehemaligen Festung, wo in diesen Jahren Hunderte an Misshandlungen oder Hunger starben.

Das Wissen um das Leid so vieler weckt Felix aus seiner Depression. Er hat endlich wieder Gründe, aktiv zu werden, sich „den Kopf zu zerbrechen“, vielleicht taucht auch sein altes Traumbild wieder auf…andere vor dem Abgrund bewahren zu müssen. Sein erster Einsatz gilt den Internierten im Lager Gurs.

Die von der belgischen Regierung beim Überfall durch die Deutschen nach Frankreich abgeschobenen deutschen Juden waren in verschiedenen Lagern in Südfrankreich interniert worden, die meisten in Gurs, nahe den Pyrenäen. Das war zwar kein Konzentrationslager, aber hier herrschten in jeder Hinsicht furchtbare Zustände. Dünnwandige Holzbaracken mit Pappdächern, teils vom Sturm abgerissen, keine Fenster, keine Sanitäranlagen, größtenteils ohne Betten, früher errichtet in einer sumpfigen Ödnis für Flüchtlinge aus dem spanischen Bürgerkrieg. Hierin wurde eine Nichte Marguerites, Maria Krehbiel-Darmstädter, im Oktober 1940 aus ihrer Heimatstadt Mannheim deportiert, zusammen mit Tausenden badischer Schicksalsgenossen. Vier aus dem Lager Entflohene bilden, zurück in Brüssel, ein Hilfskomitee, das sich auch an Felix wendet, der sofort die Leiter der chemischen Fabrik kontaktiert, der er vor der Besatzung einmal unentgeltlich Rota-Apparate repariert hat, und diese erweisen sich dankbar, indem sie wichtige Medikamente und Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen. Andere Helfer besorgen warme Kleidung und Lebensmittel und kümmern sich um die zurückgebliebenen Familienmitglieder der Deportierten. Nur, es ist klar, dass ohne Genehmigung der deutschen Behörden keine Hilfssendung nach Gurs gelangen würde. Zum ersten Mal geht Felix zu den Deutschen – wahrscheinlich zum Adjutanten von Falkenau, Eggert Reeder. Sie kannten sich vermutlich aus Aachen. Marguerite schreibt, dass er die nötigen Begleitschreiben erhalten habe und die Kisten verschickt werden konnten. Aus Briefen von Maria Krehbiel-Darmstädter geht hervor, dass die Hilfsgüter ankamen. Auch hat Maria Briefkontakt zu ihrer Cousine und Freundin Margot Junod in der Schweiz, die sie unterstützt, wo es geht, mit Lebensmittel- und Kleidungspäckchen und mit seelischem Beistand durch ihre Briefe.

Dann wenden sich Angehörige von in Breendonck Inhaftierten an das Hilfskomitee und schildern die schrecklichen Zustände in diesem Konzentrationslager. Felix geht erneut zum Adjutanten der Militärverwaltung. Mehrere Offiziere dieser Behörde, und jedenfalls Reeder, wissen um Felix‘ wissenschaftliche und industrielle Arbeit vor dem Krieg bzw. der Flucht. Sie alle lehnen die Gestapo ab. Sie akzeptieren Felix anscheinend als Repräsentanten des Hilfskomitees und bald wird er als Verbindungsmann zur jüdischen Bevölkerung in Belgien angesehen und mit einem Papier ausgestattet, das ihm die Gänge zu den Behörden erleichtern soll. (Mettenheim, S.59) Zur Gestapo geht Felix dennoch nie ohne Giftkapsel und Rasierklinge.

Felix erreicht, dass das Lager Breendonck immer wieder von der Militärverwaltung kontrolliert wird und sich dadurch die Zustände immerhin etwas verbessern. Auch kann er bewirken, dass nach und nach 120 belgische und ausländische Juden aus dem Lager entlassen werden und einige sadistische Kommandanten entfernt und bestraft werden. Manche Rettungsversuche laufen ins Leere, die Gestapo-Leute Burger, Erdmann und Asche sind unerbittliche Gegner. Eines Tages versucht Asche, Felix für den Judenrat zu gewinnen, was der aber ablehnt. Felix ist dem Judenrat suspekt; während die Mitglieder der Association Juif kaum Möglichkeiten haben, jemanden vor der Deportation zu bewahren, erreicht Felix durch seine Gänge zur Militärverwaltung und Gestapo immer wieder Freistellungen. Kein Wunder, dass er der Kollaboration verdächtigt wird.

Seit September 1940 ist der Jurist Martin Drath Mitarbeiter in der Wirtschaftsabteilung von Eggert Reeder. Ab Ende 1940 ist er Geschäftsführer der von der Militärverwaltung nach belgischem Recht gegründeten Brüsseler Treuhandgesellschaft (BTG), die das den Juden geraubte Vermögen verwaltet. Als er Felix Meyer kennenlernt, entwickelt sich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen ihnen. (Martin Drath war vor und nach dem Krieg Mitglied der SPD; seine Anstellung an der Uni Frankfurt verlor er nach der Machtübertragung an die Nazis; ab 1951 war er 12 Jahre Richter beim Bundesverfassungsgericht.)

Felix kann bei Drath Zahlungen an kranke oder in Not geratene jüdische Mitbürger erreichen. Drath sagt später, dass Felix‘ Mut auch ihm selbst immer wieder Mut gemacht habe, diese Arbeit nicht aufzugeben.

Zuständig beim politischen Referat für Judenfragen ist bei der Militärverwaltung Dr. Wilhelm Freiherr von Hahn. Laut Felix hat das Hilfskomitee „jederzeit Zutritt zu ihm, den [sie] … über alle ihre Schritte auf dem Laufenden halten müssten.“ Von Hahn wird nach dem Krieg, als Felix um eine Einbürgerung in Belgien kämpft, in einer eidesstattlichen Erklärung bezeugen, dass dieser beständig im Einsatz zur Rettung von Freiheit und Leben der verfolgten Juden war, altruistisch und unter Lebensgefahr. (Mettenheim, S.190f)

Allerdings wird das Hilfskomitee nach dem Einsetzen des Judenrates aufgelöst, was Felix bedauert. Er setzt jetzt seine Hilfsaktionen selbstständig fort.

Als 1942 im März das Tragen des gelben Sterns befohlen wird, bietet die Militärverwaltung Felix und seiner Frau die Befreiung von dieser Anordnung an. Ehe er das annimmt, fordert Felix, dass dann auch weitere Familien vom Sterntragen befreit werden. Über hundert Familien, und nicht nur solche, die sich ehemals um das Vaterland verdient gemacht haben, können aufatmen, denn wer vom Stern befreit ist, wird auch nicht deportiert.

Im Juni 1942 sollen 10.000 Juden aus Belgien, die nicht zum Tragen des Sterns verpflichtet sind und nicht in Mischehen leben, „abgeschoben“ werden. Die Transportzüge sollen ab dem 13.7.42 rollen, wöchentlich ca. 3. (Die Endlösung der Judenfrage in Belgien, Dokumente hrsg. von S. Klarsfeld und M. Steinberg) Die Anordnungen variieren in den Folgeverordnungen, einmal heißt es, sie müssten arbeitsfähig sein, zwischen 16 und 40 Jahre alt, dann wieder sollen die Transporte mit 10% Alten und Arbeitsunfähigen aufgefüllt werden, dann wieder lediglich staatenlose Juden, jedenfalls keine mit belgischer Nationalität.

Die Deportationen setzen sich fort, es werden am Ende 25.490 Juden aus Belgien nach Auschwitz verschleppt, nur wenige überleben.

Falkenhausen und Reeder widersetzen sich den Anordnungen des Reichssicherheitshauptamts nicht, sie versuchen nur, manchmal erfolgreich, und das u.a. auch auf Felix‘ Veranlassung, einzelne Menschen auszunehmen. Sie argumentieren mit dem Unverständnis der nichtjüdischen Belgier, mit deren Empörung und Widerstand. So erreicht Reeder z.B. am 28.7. 43 die Zurückstellung sehr alter und arbeitsunfähiger Juden. (Klarsfeld S. 74)

Die von der Gestapo und Asches Spitzeln aufgespürten versteckten Juden kamen wie auch die bereits registrierten zum Abtransport zunächst in die Kaserne Dossin bei Malines. Auch hier herrschten Willkür, Gewalt, Sadismus.

Felix wird das berichtet und auch, welche Aufseher besonders brutal sind. Einen derselben klagt er bei Martin Drath an und erreicht, dass dieser bei der nächsten Aushebung von Soldaten für die Ostfront abgezogen wird.

Aber Felix ist durch seine ständigen Aktionen dem Leiter der Gestapostelle so verhasst, dass dieser seine Deportation anordnet und ihn im Keller der Gestapo inhaftiert. Marguerite weiß, an wen sie sich in ihrer Not zu wenden hat – am nächsten Tag wird Felix wieder entlassen. Er ist jedoch derart geschockt, dass er erst einmal seine Aktivitäten unterbricht. Lange verharrt er in einer Depression, bis eines Tages wieder seine Hilfe angefragt wird.

Marguerite erinnert sich so:

Als die Gestapo eines Nachts wieder 300 Menschen verhaftet, sind darunter viele alte Leute. Auf Felix‘ Vorschlag, diese doch nicht mehr zu deportieren (nach der Parole der Gestapo ging es ja immer um Arbeitseinsatz im Osten), sondern diese alten Menschen in einem Altenheim unterzubringen, wurde wundersamerweise eingegangen. Mit Hilfe von Hahns und der Assistance publique fand Felix ein altes, großes, leerstehendes Gebäude in Scheut, einem Vorort von Brüssel, Es wurde sofort angenommen trotz seines schlechten Zustandes.

Die Assistance richtete das Haus notdürftig ein und es gab von überall her Hilfe. Wenige Tage vor der Deportation konnten 200 alte Leute dort einziehen. Es war ärmlich und primitiv, aber im Vergleich mit Malines war es der Himmel. Es wurde sehr bald alles soweit verbessert, dass es ein menschenwürdiger Aufenthalt wurde. Felix konnte das nötige Hauspersonal und Krankenschwestern und drei Ärzte aus Malines freibekommen.

Es geschah von da ab, dass die Gestapo alle verhafteten alten Menschen nach Scheut schickte. Nachdem das Heim nicht mehr alle Geretteten fassen konnte, wurde ein zweites Heim gegründet, wo 100 Ehepaare, je in einem Zimmer unterkamen und wieder Personal unter Schutz gestellt werden konnte. Nun fehlte noch dringend ein Hospital. […] Wieder trat die Assistance publique in Aktion. Ein Flügel des Spitals in Ixelles wurde freigemacht und galt von nun an als jüdisches Hospital. Sämtliche jüdischen Ärzte konnten ihre Kranken da unterbringen und auch da operieren. Es wurde ein jüdisches Direktorium eingestellt und wieder konnten Mädchen und Frauen und anderes Personal aus Malines zurückgeholt und dort untergebracht werden, Wer in einer jüdischen Anstalt arbeitete, genoss einen Schutz, von dem aber alle fürchteten, dass er nur vorübergehend sei. Jedenfalls wurde aus diesen drei Anstalten niemand verhaftet. Felix hatte die Oberaufsicht und die Verantwortung und alle wichtigen Fragen wurden mit ihm besprochen. - [Vielleicht war die Zustimmung der Gestapo zu dieser Regelung von dem Hintergedanken motiviert, dass hier hunderte Juden, und zwar nur solche, zusammen untergebracht, auch irgendwann zusammen deportiert werden könnten. HvC]

Eines Tages sprach ein junger SS-Mann Felix an. Er drückte sein Bedauern aus und seine Empörung über die Vorgänge bei der Gestapo.

Als SS-Angehöriger konnte er seinen Dienst nicht ohne Lebensgefahr verlassen, er habe aber den Wunsch, von jetzt an Felix zu helfen. Von diesem Tage an verheimlichte er viele Anzeigen vor der Gestapo. Er gab die Anzeigen an Felix weiter - dieser setzte sich mit der belgischen Resistance in Verbindung und so konnten viele Menschen gewarnt werden, einmal wurden auf diese Weise 60 Kinder gerettet; [nachdem ein entlassenes Dienstmädchen […] deren Versteck verraten [hatte]. Dies war eine besonders gefährliche Arbeit, da Felix oft mit Adressen in den Taschen die Gestapo verließ.

Von der Gestapo kommt wahrscheinlich auch das Wort „Meyer-Juden“ für diejenigen, die durch Felix‘ Bemühungen und Argumente gerettet wurden.

Bevor 44 die Alliierten in der Normandie landen, wird von Falkenhausen abgelöst und eine Zivilverwaltung eingesetzt. Meyers werden gewarnt, dass die Gestapo nun ein Pogrom vorhabe, sie sollen unbedingt untertauchen. Felix vernichtet eine Reihe von Dokumenten, die ihn und andere gefährden könnten, darunter viele Dankesbriefe. Mit Hilfe u.a. einer befreundeten Juristin werden viele Juden noch gewarnt, die Gestapo findet niemanden mehr vor. Ungefähr 300 Personen und die Bewohner der Heime und die Kranken im Hospital entgehen der letzten Razzia. Die Gestapo ergreift die Flucht Richtung Deutschland. Am 3. September ist Brüssel befreit.

Nach dem Jubel aber kommt noch einmal eine schwere Zeit. Felix ist jetzt wieder feindlicher Ausländer, Er muss sich täglich bei der Polizei melden, seine früheren Gänge zu den deutschen Behörden werden als Kollaboration aufgefasst, Da er als Einzelner gehandelt hat, rechnet man ihn nicht zur Résistance, was ihn verbittert, denn er hat durch sein Vorgehen nie andere in Gefahr gebracht als sich und seine Frau. Seinetwegen ist nie eine Geisel erschossen worden, er hat immer das Risiko selbst getragen. Worin soll seine Kollaboration bestanden haben? Es gibt keinerlei Nachweise dafür, jedenfalls nicht nach Lage meiner Dokumente. Im Gegenteil bezeugen eine ganze Reihe angesehener Personen, darunter der Arzt Wiener, Meyers Verdienste.



Wie dankbar diese Meyer-Juden, eine Bezeichnung, die Felix und seine Frau absurd finden, ihm sind, zeigt sich später in Dankesbriefen Geretteter, von denen ich am Ende noch zwei zeigen möchte.



Nun könnte ja der Einwand kommen, dass einzig von den Betroffenen selbst Erzähltes rein subjektiv ist und einer Überprüfung auf Wahrheit nicht standhält. Hinzu kommt, dass es ja schon so ist, dass im Vergleich mit anderen jüdischen Flüchtlingen nach Belgien Felix und Marguerite günstige Umstände hatten: Sie hatten viel, aber nicht alles zurücklassen müssen bei ihrer Auswanderung; sie erhielten Geld aus den USA-Lizenzen; sie hatten Bürgen in Belgien und Felix verfügte über Beziehungen zu entscheidenden Personen der Militärverwaltung. Dazu eine Auszug aus einer Publikation einer Wissenschaftlerin, der Diplom-Historikerin Catherine Massange, Forscherin bei der Foundation for Contemporary Memory. Sie hat sich intensiv mit der Besatzungszeit beschäftigt und u.a. Akten der Fremdenpolizei als Quellen genutzt. In ihrem digitalisiertenBuch L’Hôpital israélite de Bruxelles (1943-1944) findet man folgende Zeilen (übersetzt):

Diese Vorbereitungen [ zur Einrichtung eines jüdischen Krankenhauses] wurden mit dem Engagement einiger jüdischer Persönlichkeiten kombiniert: Jean Wiener und Felix Meyer spielten eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Israelitischen Krankenhauses. Jean Wiener ist Belgier und Arzt. […] Felix Meyer ist deutscher Jude. […]

Geboren im Dezember 1875, war er damals 63 Jahre alt. Als mächtiger und bedeutender Mann in Aachen, wie Jean Wiener schrieb, habe er "trotz seiner jüdischen Herkunft einen gewissen Einfluss bei den Deutschen bewahren können".

In einem anderen Kapitel ist zu lesen: „Manche Menschen erinnern sich an Felix Meyer, deutscher Herkunft, der während des Krieges staatenlos war, daran, dass er Zugang zu den deutschen Behörden hatte, dass er mit dem SS-Obersturmführer Asche und dem Vertreter der Militärverwaltung von Hahn im Dialog stand, dass er an seinem rechtmäßigen Wohnsitz lebte, ohne gestört zu werden... Auf der anderen Seite empört der Zweifel andere, die glauben, dass sie ihr Überleben seiner Intervention verdanken. Die jiddische Zeitung Unzer vort – Unser Wort zitierte ihn am 6. Oktober 1944 als einen von denen, die zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Doch um das erst einen Monat später wieder zurückzunehmen: "Seitdem sind viele Juden zu uns in unsere Redaktion gekommen und haben gesagt, wir hätten einen Fehler gemacht ... Weil dieser Herr ihnen viel Gutes getan hat und weil er [sic] ihr Leben gerettet hat. Sie erzählten uns, dass er das Gleiche mit vielen anderen jüdischen Familien tat. Wir haben auch eine Reihe von Briefen erhalten, die in demselben Sinne geschrieben sind, so dass wir selbst eine Anfrage angestellt haben und feststellen konnten, dass die jüdische Kolonie diesem Herrn Meyer in Bezug auf seine Haltung gegenüber den Juden überhaupt nichts vorzuwerfen hat".

Ein weiteres Dokument ist der Dankesbrief von Rachelle Stern, sie schreibt am 4.6.45 aus London:

Lieber Herr Meyer, schon lange wollte ich Ihnen schreiben, aber, glauben Sie mir, lieber Herr Meyer, es ist nicht einfach, Wort zu finden um unsere Dankbarkeit auszudrücken für das, was Sie getan haben, um meine liebe kleine Schwester Evy vor der Deportation zu retten. Im allerersten Brief, den ich von Evy bekam, erwähnt sie Ihren Namen und, um ihre eigenen Worte zu gebrauchen, schrieb sie: Ich verdanke mein Leben einem großartigen Freund, Herrn Meyer, der mich mehr als einmal vor der Deportation bewahrte. Ich hatte viele Freunde, aber keinen wie Herrn Meyer, der wie ein Vater zu mir war. Lieber Herr Meyer, ich würde Ihnen wirklich gerne begegnen und danke Ihnen von Herzen für Ihre guten Taten. Auch danke ich Ihnen dafür, dass Sie Evy überzeugen konnten, mir zu erlauben, die ersten Schritte zu ihrer Emigration in die USA zu unternehmen. Ihnen und Ihrer Frau alles Gute, und mit meinen allerherzlichsten Grüßen für Sie beide bleibe ich Ihre Rachelle Stern.

Dieser Brief ist einer von vielen Dankesbriefen, die Marguerite Meyer der Gedenkstätte Yad Vashem überlassen hat, ebenso wie den folgenden:

Quelle: documents.yadvashem.documents/org

Sehr geehrter Herr Meyer, endlich können wir wieder frei aufatmen und kann ich bei der Gelegenheit nicht umhin, Ihrer gütigen Mitwirkung zu gedenken. Eine Zeit vor dem Umsturz hatten wir den erfreulichen Besuch der Gestapo und nur Ihr Schutzschein rettete uns aus den Klauen der Verbrecher. Meine Worte sind zu arm, um Ihnen, sehr geehrter Herr Meyer, nochmals meinen innigsten und tiefgefühlten Dank für Ihre edle Hilfe auszudrücken. Ich kann nur wünschen, der liebe Gott möge es Ihnen hundertfach vergelten. Gleichzeitig wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin alles erdenklich Gute zum Jahreswechsel. Ihre stets ergebene Elise Steiner

Das Datum 21.9. soll nicht verwundern: Nach dem jüdischen Kalender findet Rosch Haschana, der jüdische Jahreswechsel, im Herbst statt, 1944 am 2. und 3. Oktober.

Und tatsächlich bekommt Felix im Mai 45 seine Identitätskarte mit dem Eintrag: Non ennemi.

In der Folgezeit experimentiert Felix wieder, um neue Erfindungen zu machen. Er nennt die Zeit seinen „Altweibererfindungssommer“. Auch verarbeitet er Empfundenes und Erlebtes in einer Reihe von Gedichten.

Doch die Eheleute werden kränklich. Marguerite ist sehr hinfällig, nierenkrank, hat Schmerzen. Felix hat Angst, sie zu verlieren, will sie aber auch keinesfalls überleben.

Dass er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren will, steht fest. Dass so viele Nazis für ihre Vergehen keine oder milde Strafen bekommen, entsetzt ihn. Auch zieht sich die Rückführung seiner Firma noch bis Ende 1949 hin. Hans Hennig, der sich seit seiner Flucht nach Irland John nannte, führte von Basel aus das Werk weiter, dessen Hauptproduktionsstätte nun in Wehr in Baden lag, weil die Fabrik in der Vereinsstraße im Krieg stark beschädigt wurde und schon da in großen Teilen ausgelagert worden war.

Am 14. April 1950 erliegt Felix während einer Wache an Marguerites Bett einem Herzinfarkt. Marguerite aber erholt sich wider Erwarten und zieht zu ihren Töchtern in die Schweiz. Sie stirbt im Jahr 1968.

Erwartet nicht so viel vom Jenseits und nehmt euch mehr von diesem Leben.“

F.M in einem Brief an seine Tochter am 6. April 1947 (DNB, DEA)



Benutzte Literatur:

John Hennig: Die bleibende Statt, hrsg. v. Gabriele Malsch, Wissenschaftlicher Verlag Trier 2019

Serge Klarsfeld und Maxime Steinberg (Hrsg.): Die Endlösung der Judenfrage in Belgien. Dokumente (o.J.)

Andreas Lorenz: Arisierung und Wiedergutmachung. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Tuchfabrikanten Aachens, Rimbaud-Verlag Aachen 2023

Amelis von Mettenheim: Felix Meyer 1875 – 1950. Erfinder und Menschenretter, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/M 1998

Marion Schreiber: Stille Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz, Aufbau-Verlag Berlin 2000

Peter Selg: Maria Krehbiel-Darmstädter. Von Gurs nach Auschwitz. Verlag des Ita-Wegman-Instituts 2010

Digitale Quellen:

https://documents.yadvashem.org

www.familienbuch-euregio.de

https://journals.openedition.org/cmc/1046 L’Hôpital israélite de Bruxelles (1943-1944) Catherine Massange

www.yokogawa.com/rota-de

oral history:

Helena Coxhead (England) und Isabelle Walker (Schweiz), Urenkelinnen von Felix Meyer